Adnanpintul1c

"Wenn man sich nicht mehr liebt" in Sarajewo

Ich fühle mich in Deutschland häufig als bosnischer Botschafter - und umgekehrt in Bosnien als deutscher. Wann immer ich in Deutschland die Gelegenheit dazu habe, zerstöre ich Vorurteile über Bosnien - und in Bosnien über die Deutschen. Vorurteile über ganze Völker sind zumeist absurd, oft auch einfach lächerlich.

Viele Menschen in Bosnien-Herzegowina und auch sonst in der Welt sehen "die Deutschen" als fleissig, präzise, zuverlässig - aber auch als kalt und berechnend. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass der deutsche Handwerker im Zweifelsfall ebensoviel pfuschen kann wie der bosnische - er ist dabei nur teurer. Und von irgendeiner Kälte oder auch Berechnung im Umgang kann gar keine Rede sein.

Häufig gilt - nicht zuletzt bei denen, die sie nicht so gut beherrschen - die deutsche Sprache als grob und unmelodisch: viele beschreiben sie als ideal zum Kommandieren. Wahrscheinlich haben sie zu oft Filme und TV-Serien über den 2. Weltkrieg gesehen und sich nur die Rufe 'Halt!', 'Los!' oder 'Hurra!' eingeprägt. Gegen solche Ignoranz greife ich zur Gitarre und singe das erste deutsche Lied, das ich mir eingeprägt habe: "Wenn man sich nicht mehr liebt" von Anett Louisian - Beweis dafür, dass diese Sprache nicht nur melodisch, sondern ideal zum Singen von Balladen ist.  

Viele Deutsche beurteilen anderseits "die Bosnier" als ungebildete Menschen vom Rand ihrer Welt, die sich in sinnlosen Kriegen selbst zerfleischen und nur zufällig guten Fussball spielen. Kaum einer - selbst unter Bosniern - weiss noch aus seiner Geschichte, dass dies Land im Mittelalter Königreich war und durch Jahrhunderte zu den tolerantesten, multikulturellsten Teilen Europas zählte. So waren in keinem anderen europäischen Land Anhänger von vier verschiedenen Weltreligionen gleichermassen zuhause und nicht bloss Gäste. Die Haupstadt Sarajewo ist das einzige europäische Jerusalem. Einer Beglaubigung durch die EU bedarf es dazu nicht.